„Tipps zum Umgang mit jungen Alphatieren“

„Tipps zum Umgang mit jungen Alphatieren“
09.05.2011
Interview mit Oliver Uschmann zur Lesereise im Mai

Als passende Einstimmung für seine Lesereise, gibt Oliver Uschmann einen sehr unterhaltsamen und informativen Vorgeschmack auf seine Lesungen:
 
Worum geht es im aktuellen Roman „Nicht weit vom Stamm“?
Wissen Sie, wie meine Romanfigur Sven darauf antworten würde? Er würde
sagen: "Warum muss ich den Scheiß jetzt schon wieder erklären? Es steht doch überall geschrieben, du Stuhl! Warum guckst du nicht bei Script 5 auf der Webseite? Oder bei Amazon? Was soll der Mist, dass ich jetzt aufstehen und an die Tastatur gehen soll? Was soll der Scheiß? Sag mir das, du Spasti!
Warum soll ich mir hier doppelte und dreifache Arbeit machen, du E-Mail-Ausdrucker?" Das würde Sven sagen. Er war aber nicht immer so. Er war auch mal ein guter Junge. Zu Beginn des Romans ist er allerdings das Ekelhafteste und Aggressivste, was die deutsche Gegenwartsliteratur momentan zu bieten hat. Im Verlauf des Buches ändert sich das und zwar, weil er übel erpresst wird. Er wird sozusagen dazu gezwungen, sein verkorkstes Leben wieder in den Griff zu kriegen. Es geht also die Post ab.
 
Auf welche Uschmann'schen Schaupieleinlagen und Highlights dürfen sich die Besucher bei den Lesungen freuen?
Ich spiele den Roman tatsächlich, in vielen verschiedenen Sprechrollen. Es macht großen Spaß, durch seine Figuren einmal ordentlich den Bad Guy raushängen zu lassen mit all der vulgären Sprache und den kreativen Schimpfwörtern, die Svens Gang erfindet. Der Roman hat die höchste Schimpfwortdichte der deutschen Gegenwartsliteratur; er ist ein wahres Kompendium der gepflegten Verbalattacke. Gleichzeitig gibt es den gebildet-snobistischen Vater oder die liebenswerte Rentnerin Frau Närdemann, die manche schon aus dem Vorgängerbuch kennen. Zwischen den Stellen aus dem Buch erzähle ich Anekdoten aus meinem eigenen Leben oder offenbare die besten praktischen Tipps zum Umgang mit jungen Alphatieren, die einem auf der Straße "Bleib stehen, du Opfer!" nachbrüllen. Man kann also auch Handfestes bei der Show lernen. Außerdem bringe ich Svens Original-Jogginghose aus dem Buch mit. Da sollte man sich vielleicht in die zweite Reihe setzen, denn sie könnte stinken. Möglicherweise besaufe ich mich auch, damit es besonders authentisch wird.
 
Wie "Das Gegenteil von oben" spielt „Nicht weit vom Stamm“ in Wesel. Warum eignet sich Ihre Heimatstadt besonders gut als Romankulisse?
Weil ich in Wesel jeden Pflasterstein kenne und man als Schriftsteller besonders sinnlich und saftig über die Orte, Milieus und Begebenheiten schreiben kann, mit denen man vertraut ist. Weil ich gerne meine Heimatstadt fördere. Und weil Wesel einen Charakter und Aufbau hat, der sinnbildlich für die deutsche, mittelgroße Stadt an sich ist. Hochhausviertel am Bahnhof, teure Grüngürtel, in denen die Ärzte und Anwälte leben, viel Mittelstand und eine unablässige Restaurierung und Aufhübschung der City bei unvermindert spöttischem Selbsthass der Bewohner, die grundsätzlich lieber zum Shoppen nach Borken oder Rees fahren. Die Rheinpromenade, den Auesee und die Grav Insel als größten Campingplatz Europas lieben allerdings alle. "Nicht weit vom Stamm" spielt deswegen ebenfalls wie "Das Gegenteil von oben" in Wesel, weil beide Romanhandlungen zur exakt gleichen Zeit parallel stattfinden. Die Charaktere beider Romane begegnen stellenweise einander. Man kann die Romane dann nebeneinander halten und die Figuren sehen sich sozusagen gegenseitig an und erzählen die Szene jeweils aus ihren Augen. Ich liebe solche Spielereien. Außerdem begleiche ich mit Sven Lechner einige alte Weseler Rechnungen, die nur absolute Insider begreifen können.

=> Lesungs-Video „Die Wirklichkeit der Condome“
=> Lesereise im Mai 2011


Bücher zu dieser Newsmeldung

Cover von Nicht weit vom Stamm Oliver Uschmann
Nicht weit vom Stamm
Klappenbroschur
14,95 € (D)
ISBN 978-3-8390-0120-2

Sven hat die schiefe Bahn verlassen und ist am Ziel angekommen: ganz unten. Seine Tage verbringt er im Rausch, seine Nächte wahlweise mit Sex oder Prügeleien. Dabei stünden ihm alle Türen offen, sagt sein Vater – hätte Sven sie nicht vor fünf Jahren zugeschlagen. Als seine Schwester bedroht wird, findet sich Sven in seinem schlimmsten Albtraum wieder: Der einzige Weg, Lina zu retten, ist, so zu werden wie sein Vater.

Cover von Das Gegenteil von oben Oliver Uschmann
Das Gegenteil von oben
Klappenbroschur
12,90 € (D)
ISBN 978-3-8390-0100-4
Wäre es nicht so traurig, könnte Dennis darüber lachen: Stress zu Hause, Stress in der Schule, Stress mit Mädchen – sein Leben verläuft geradezu absurd berechenbar. Doch als dann über Nacht der Nachbarsjunge verschwindet, rücken die kleinen Dramen des Alltags in den Hintergrund. Denn Dennis kommt der Verdacht, dass der Junge Opfer eines Verbrechens geworden ist. Dennis hat keine Wahl: Er beginnt, Nachforschungen anzustellen, und findet immer mehr Hinweise auf eine schreckliche Tat. Um endlich Gewissheit zu haben, wagt er sich in die Höhle des Löwen: Im Keller des Nachbarhauses kommt es zu einer Begegnung, die alles verändert.